Persönlichkeiten

Dr.h.c. Borys Jaminskyj

 
Die ukrainische Gemeinde in Wien kann auf eine nahezu 230-jährige Geschichte zurückblicken. In diesem Zeitraum hat diese älteste ukrainische Diaspora zahlreiche Persönlichkeiten hervorgebracht bzw. haben solche für einen bestimmten Zeitraum hier gelebt und gewirkt, die auf den Gebieten der Religion, Geschichte, Kultur, Wissenschaft und des Vereinswesens einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen haben. In erster Linie zählen dazu die Pfarrer der ukrainischen griechisch-katholischen Kirche zu St. Barbara in Wien, die in allen Epochen der Geschichte bis in die Gegenwart hinein mit Recht als geistiges und kulturelles Zentrum der in Österreich lebenden Ukrainer bezeichnet werden kann. Es würde den Umfang dieses Artikels sprengen, wenn allein jene Pfarrer von St. Barbara aufgezählt würden, die mit ihrem Wirken einen wichtigen Beitrag für das ukrainische Geistesleben geleistet haben. Erwähnt seien hier nur der erste Pfarrer Hieronymus Striletzkyj (1784-1804), Johannes Fogarassy (1818-1834), von dem ein Lehrbuch der ruthenischen Sprache stammt, das in der Mechitaristendruckerei in Wien gedruckt wurde, Dr. Julian Pelesch (1875-1883), einer der Lehrer von Kronprinz Rudolph, und später Bischof von Stanislau, sowie Dr. Myron Hornykewytsch (1923-1956), der die Pfarre in einer sehr schwierigen Zeit zu leiten hatte.

Eine zweite Gruppe bedeutender ukrainischer Persönlichkeiten gab es im Österreichischen Parlament, dem „Reichsrat“, die als „ruthenische“ (in der Donaumonarchie wurden die Ukrainer als Ruthenen bezeichnet) Abgeordnete aus den Kronländern Galizien und Bukowina die Interessen dieser Nationalität bis zum Ende des 1. Weltkrieges in Wien vertreten haben. Zu den bedeutendsten von ihnen zählten Semen Wityk, Julian Romanczuk, Kyrylo Trylowskyj, Eugen Petruszewycz (1918 Präsident der Westukrainischen Volksrepublik), Konstantin Lewicki, AlexanderKolessa und Jacko Ostapczuk aus Galizien, sowie Elias Ritter von Semaka, Hirotheus Pihuliak und Nikolaj Ritter von Wassilko aus der Bukowma.

Die dritte Gruppe umfasst das ukrainische Vereinswesen in Wien, das zu allen Zeiten eine wichtige Rolle im Leben der hiesigen ukrainischen Gemeinde gespielt hat. Von besonderer Bedeutung war der 1868 gegründete Studentenverein „Sitsch“, zu dessen Obmännern und Mitgliedern viele ukrainische Intellektuelle von weitreichender Bedeutung gezählt haben. So war etwa der Physiker und Elektrotechniker Johann Puluj nicht nur der Mitentdecker der „X-Strahlen“, die bis zum heutigen Tag als „Röntgenstrahlen“ für die Medizin von eminenter Wichtigkeit sind, sondern auch erster Übersetzer der Bibel in die ukrainische Volkssprache und Autor unzähliger Artikel und Publikationen, in denen er das Selbstbestimmungsrecht der Ukrainer auf einen eigenen Staat eingefordert hat. Der Biochemiker Iwan Horbatschewskyj wurde 1917 zum ersten Gesundheitsminister Österreichs, Roman Sembratowytsch war ein bekannter Journalist, Ostap Hrycaj wiederum war in der Zwischenkriegszeit ein bekannter Schriftsteller, der sowohl in Deutsch als auch in Ukrainisch publizierte, sowie Übersetzer ukrainischer Dichter ins Deutsche.

Somit kommen wir zur Gegenwart und es bietet sich mir die Gelegenheit, aus verschiedenen Gründen zwei Persönlichkeiten zu würdigen, die am gleichen Tag, dem 20. Oktober, Geburtstag feiern. Es ist dies der 1934 in Lernberg geborene Pfarrer von St. Barbara und Generalvikar Prälat Msgr. Dr. Alexander Ostheim-Dzerowycz, der mit 1. September 2000 als Pfarrer in den Ruhestand getreten ist. Sein über 31-jähriges Wirken an der Spitze dieser weit über ihre eigentliche Größe wichtigen Pfarre hat deutliche Spuren hinterlassen. In seine Zeit als Pfarrer fallen wichtige Ereignisse, die er in die Wege geleitet hat, wie etwa die Renovierung der Kirche zum 200jährigen Pfarrjubiläum im Jahr 1984, wobei die inneren Seitenwände und die Decke durch den bekannten ukrainischen Künstler Svjatoslav Hordynskyj mit Wandikonen ausgemalt wurden. Als es noch keine selbständige Ukraine gab, erfüllte Dr. Ostheim-Dzerowycz als Pfarrer von St. Barbara sozusagen die Rolle eines „Botschafters“ für die ukrainische Sache, wobei er unzählige Male in Rundfunk und Fernsehen auftrat. Er ist ein hochqualifizierter Theologe und zugleich ein hervorragender Seelsorger, der seine Zuhörer durch seine Predigten zu fesseln vermag. Seine hervorragenden Verbindungen in die Ukraine befähigten ihn dazu, eine wichtige Rolle bei den Geheimverhandlungen über die Wiederzulassung der Griechisch-Katholischen Kirche zu spielen. Bereits 1992 würdigte der erste frei gewählte Präsident der Ukraine Leonid Krawtschuk die Bedeutung von Prälat Msgr. Dr. Alexander Ostheim-Dzerowycz, indem er ihn in das Organisationskomitees des 1. Weltforums der Ukrainer berief, das zum 1. Jahrestag der Unabhängigkeit des Landes in Kiew stattfand. Vor kurzem hat ihn der jetztige ukrainische Präsident Leonid Kutschma mit dem Verdienst-Orden ausgezeichnet. Wir verlieren Dr. Ostheim-Dzerowycz zwar als Pfarrer, doch bleibt er uns als Generalvikar Gott sei Dank noch einige Zeit erhalten. Für all das Geleistete sei ihm unser zutiefst empfundener Dank ausgesprochen und für die Zukunft wünschen wir ihm in erster Linie Gesundheit, damit er sein Wirken in unserer ukrainischen Gemeinde in Österreich noch viele Jahre fortsetzen kann.

Eine zweite Persönlichkeit der „Wiener Ukrainer“, Stefanie Marzinger, geborene Romaneschen, Jahrgang 1940, feierte am 20. Oktober einen runden Geburtstag. Niemand, der sie näher kennt, würde ihr das Alter ansehen. Seit zwei Jahrzehnten ist sie aus dem ukrainischen Vereinsleben in Österreich nicht mehr wegzudenken. Zunächst wurde sie 1980 Sekretärin im Ukrainischen Briefmarken-Sammler-Verein in Österreich (UBSV), den sie seit 1984 mit Umsicht und viel Engagement leitet, obwohl sie eigentlich niemals Philatelistin gewesen ist. 1992 gehörte Stefanie Marzinger zu den Mitbegründern der Österreichisch-Ukrainischen Gesellschaft (ÖUG). Dort ist sie seither Vorstandsmitglied in der wichtigen Funktion einer stellvertretenden Finanzreferentin. 1992 wurde Stefanie Marzinger in das Präsidium des 1. Weltforums der Ukrainer gewählt, 1997 leitete sie die Delegation der „österreichischen Ukrainerzum 2. Weltforum der Ukrainer in Kiew. Im Laufe der Jahre wurde die Jubilarin zur Seele unserer wichtigsten ukrainischen Vereine in Wien, deren Meinung allseits geschätzt wird.

Ihre Kraft schöpft Stefanie Marzinger, die in der Nachkriegszeit eine schwere Jugend erlebt hat, aus der Familie, die sie mit Liebe, aber auch Strenge über alle Klippen des Lebens hinweg zu führen versteht. Ihrem Sohn Christian hat sie das Ukrainerturn eingeimpft und ihr österreichischer Gatte ist ebenso im ukrainischen Vereinsleben zu finden. Derzeit steht jedoch ihr dreijähriger Enkel Marcus im Mittelpunkt.

Ich kann das mit Recht behaupten, ist sie doch meine engste Beraterio und Trösterio in vielen, vor allem in schwierigen Situationen meines Lebens gewesen. Wir wünschen Stefanie Marzinger noch viele Jahre eines erfüllten Lebens in Gesundheit zum Wohle ihrer Familie und der ukrainischen Gemeinde in Österreich.